Burgwiesenstr. 125, 51067 Köln  |  Tel.: 0221-969 53 0  |  Fax: 0221-969 53 200  |  E-Mail: 183726@schule.nrw.de

Der zerbrochne Krug

Theaterbesuch der Q1 im Horizonttheater

Mit unserer gesamten Stufe besuchten wir Ende Juni eine Neuinterpretation von Der zerbrochne Krug. Das Theaterstück griff den bekannten Klassiker von Heinrich von Kleist auf, setzte jedoch neue Schwerpunkte. Besonders auffällig war die feministische und gesellschaftskritische Inszenierung, die die Rolle von Frauen sowie Ungerechtigkeiten innerhalb der Justiz in den Mittelpunkt stellte. Das Konzept der Aufführung bestand darin, aktuelle Missstände im Justizsystem mit dem Justizapparat aus Kleists Drama zu vergleichen. Obwohl dieser zur Zeit Kleists (1777-1811) als modern galt, zeigte die Inszenierung, dass viele Probleme wie Machtmissbrauch oder fehlende Gerechtigkeit auch heute noch bestehen.

Eine Besonderheit der Inszenierung war, dass die Auflösung des eigentlichen Falls bereits zu Beginn gezeigt wurde. Dadurch lag der Fokus nicht auf der Frage, wer den Krug zerbrochen hatte, sondern darauf, wie die Wahrheit im Verlauf der Gerichtsverhandlung verschleiert oder ans Licht gebracht wurde. Außerdem bestand das Ensemble lediglich aus vier Schauspieler:innen, die mithilfe verschiedener Kostüme und kleiner Veränderungen in unterschiedliche Rollen schlüpften. Dies gelang überzeugend und machte die Aufführung abwechslungsreich.

Das Bühnenbild war bewusst minimalistisch gestaltet und wirkte gleichzeitig altertümlich. Dadurch lag der Fokus weniger auf der Ausstattung als auf den Figuren und ihrer Wirkung. Die schlichte Kulisse unterstützte die Handlung und lenkte die Aufmerksamkeit auf die Konflikte und Botschaften des Stücks.

Auch die Sprache trug zum Gelingen der Inszenierung bei. Die Schauspieler:innen fanden ein gelungenes Mittelmaß zwischen der altertümlichen Sprache des Originals und einer modernen, gut verständlichen Ausdrucksweise. Dadurch blieb der Charakter des Werkes erhalten, ohne dass das Verständnis erschwert wurde. Auffällig war außerdem, dass die Rolle der Gerichtsrätin Walter mit einem Akzent gesprochen wurde. Dies unterstrich ihre Rolle als außenstehende und unabhängige Person im Bezug zur Dorfgemeinschaft.

Besonders gelungen war die Verbindung zur heutigen Zeit. Obwohl Der zerbrochene Krug vor über 200 Jahren geschrieben wurde, wurden aktuelle Bezüge zur Justiz hergestellt. Das Stück regte zum Nachdenken darüber an, dass auch heute noch nicht jeder Mensch vor Gericht die gleichen Chancen hat und dass Machtpositionen den Ausgang von Verfahren beeinflussen können. Diese Kritik machte deutlich, dass Fragen nach Gerechtigkeit und Gleichberechtigung weiterhin aktuell sind.

Kritisch zu bewerten ist jedoch der Umgang mit den Themen Vergewaltigung, sexuelle Übergriffe und sexuelle Belästigung. Diese wurden stellenweise verharmlosend dargestellt und an anderen Stellen sehr direkt und aggressiv inszeniert. Da sich die Aufführung an Schüler:innen richtete, wäre eine Triggerwarnung im Vorfeld sinnvoll gewesen. Gerade bei solch sensiblen Themen sollte Rücksicht auf mögliche Betroffene genommen werden.

Insgesamt war die Aufführung modern, spannend und zum Nachdenken anregend. Die neue Interpretation verlieh dem klassischen Werk eine aktuelle Bedeutung und zeigte, dass Themen wie Machtmissbrauch, Gleichberechtigung und Gerechtigkeit auch heute noch eine wichtige Rolle spielen. Trotz einzelner kritischer Aspekte, insbesondere im Umgang mit sensiblen Themen, war der Theaterbesuch eine interessante Erfahrung für unsere gesamte Stufe.

Veras GK Deutsch Q1